Donnerstag, 3. November 2016

Mel Gibson is back

... and here he talks about his sequel to the "Passion Of the Christ". I'm pretty, pretty excited.



Montag, 17. Oktober 2016

Thai Curry

17. Oktober 2016, BILD, Seite 1.
Eine interessante "developing story" ist der Krimi um Thailands Thronfolge.

Obamas "Asian pivot", der neue geopolitische Dreh-und-Angelpunkt der US-Außenpolitik, würde aus dem Scharnier brechen, wenn nun nach den Philippinen mit Thailand ein zweiter wichtiger verbündeter in Asien sich als unzuverlässlich oder gar instabil herausstellen sollte. Thailand ist die zweitwichtigste Volkswirtschaft Südostasiens, gehört zu den Top-20-Industrienationen der Welt, jedes Jahr reisen 40 Millionen Touristen nach Thailand. Thailand ist nicht Tonga. Es ist von zentraler Bedeutung, wer in diesem Land die Macht hat und ob dort Stabilität und Wohlstand wächst. Die Bevölkerung hat bislang die zahlreichen Militärcoups gegen ihre gewählten Regierungen nur hingenommen, weil über allem der paternalistische Geist König Bhumipols schwebte. Jetzt ist der tot. Eine unbeliebte Militärregierung, die gerade erst umstrittene Verfassungsänderungen in Kraft zu setzen gedenkt, gepaart mit einem beim Volk verhassten König ist jedenfalls kein Rezept für Stabilität in der Region. 

Der Schachzug des umstrittenen Kronprinzen Vajiralongkorns, seine Thronbesteigung um mindestens ein Jahr hinaus zu schieben, um "angemessen trauern zu können", wie es aus dem Palast heißt, scheint mit größerem Abstand immer geschickter. Soll doch General Prem, der 96 Jahre alte Vorsitzende des Kronrats und verfassungsmäßige Übergangsregent, die unpopulären Verfassungsänderungen unterzeichnen, die der Militärregierung quasi diktatorische Vollmachten verleihen. In der Zwischenzeit kann Vajiralongkorn in Ruhe seine Optionen prüfen ohne sich vor den Augen des Volkes mit dem unbeliebten Regime des Militärs gemein machen zu müssen. 

Nichts fürchtet übrigens das Militär und die traditionelle, um Hof und Palast organisierte Thai-Elite so sehr wie den Einfluss des Berlusconi-Verschnitts Thaksin, den vom Militär und Gerichtsbarkeit weggeputschten Volkstribun und ehemaligen (gewählten) Premierminister. Der Multimilliardär sitzt in Dubai im selbstauferlegten Exil. Auch er wird derzeit – belauscht von sämtlichen Geheimdiensten der Welt – seine Optionen sortieren.

Die Macht der thailändischen Monarchie ruht auf einem riesigen Netzwerk aus Palast, Militär, Justiz und Unternehmen, in dem königliche Günstlinge im ganzen Land Aufträge und Vergünstigungen verteilen. Im Zentrum steht das Crown Porperty Bureau (CPB), ein Konglomerat, das alle königlichen Besitztümer und Investments verwaltet. Steuerfrei. Alle Verantwortlichen des CPB werden vom Palast ernannt. Sie verwalten – konservativ geschätzt – 50-60 Milliarden US-Dollar. Darunter die Mehrheit an Thailands größter Bank, die teuersten und wichtigsten Grundstücke Bangkoks und Anteile an Konzernen rund um den Globus (darunter die Mehrheit an der Hotelgruppe Kempinski). 

Es nicht so sehr die Person Thaksins, die die Hof-Elite fürchtet, als ein System der Günstlingswirtschaft, das mit dem bisherigen konkurriert und es zu ersetzen droht. Viele Verbündete des alten Königs sehen den Kronprinzen als Bedrohung. Der derzeit als Staatsoberhaupt fungierende Regent, General Prem, gilt als einer der wenigen Vertrauten des alten Königs, der es in der Vergangenheit gewagt hat, den Kronprinzen zu kritisieren. Er gilt jedenfalls nicht als Freund Vajiralongkorns.

Was das Thai-Establishment besonders beunruhigt: Als Kronprinz hat Vajiralongkorn vor ein paar Jahren die Fühler nach dem exilierten Thaksin ausgestreckt. Angeblich hat Thaksin ihm vor ein paar Jahren, als Zeichen der Annäherung, sogar ein Luxusauto geschenkt. Der FT hat Thaksin vor zwei Tagen allerdings versichert, er habe seit sechs Jahren kein Kontakt mehr zum Kronprinzen. Hier ein Bericht des "Economist" über den Machtpoker in Bangkok und die möglichen Folgen.
Aus BILD, 15.10.

In Tutzing, wo sich Vajiralongkorn bekanntlich meist aufhält, herrscht im Moment eine angemessen herbstlich-melancholische Stimmung, wie dieser TV-Bericht vom Bayerischen Rundfunk dokumentiert. Im nahen Pullach wird man hier vergeblich nach Indizien für die Absichten des Kronprinzen suchen. Die neue Villa, die der Kronprinz gerade für sich und seine derzeitige Hauptfrau herrichten lässt, ist derzeit eine Baustelle. Der Prinz weilt in Bangkok. Sein etwa 200 Personen umfassender oberbayerischer Haushalt ist verunsichert. Ihre wichtigste Frage – und zugleich auch eine der wichtigsten geopolitischen Fragen derzeit ist, ob er die Villa in Tutzing überhaupt je beziehen wird.



Dienstag, 27. September 2016

Der widerwillige Reaktionär


Frank Schirrmacher (nicht „Frank“, wir haben uns nie geduzt) hätte seine Freude am gestrigen Abend gehabt. Er liebte die Provokation, Michel Houellebecq war daher der ideale Preisträger des nach ihm benannten Preises

Die Einführungsworte von Michael Gotthelf, dem Co-Präsidenten der Frank-Schirrmacher-Stiftung, waren geschäftsmäßig nüchtern, die Laudatio der Islamkritikerin Necla Kelek seltsam farblos, aber dann kam ER. 

Michel Houellebecq wirkt gepflegt (er hat eine neue Begleiterin an seiner Seite), er wirkt ruhig, souverän, gelassen. Er spricht in glasklarem Französisch. Das deutsche Redemanuskript wurde zuvor verteilt.
 
Michel Houellebecq bei der Dankesrede
im Atrium des FAZ-Gebäudes in Berlin
Seine Rede, hier im Original nachzulesen, ist im zarten, unaufgeregten Ton gehalten (hier sogar ein Video-Mitschnitt), beschreibt dabei aber den erbärmlichen Zustand der europäischen Linken und prophezeit den Untergang des geistig entkernten Europas. Den dogmatischen Liberalismus der westlichen Elite beschuldigt er, alle mit dem Etikett „reaktionär“ aus der Gemeinschaft der intellektuell Satisfaktionsfähigen auszuschließen, die den neo-liberalen Konsens nicht teilen:

„Ein Kommunist oder jeder, der sich den Gesetzen der Marktökonomie als letztem Ziel widersetzt, ist ein Reaktionär. Ein Anhänger staatlicher Souveränität oder jeder, der strikt gegen die Auflösung seines Landes in einem föderalen europäischen Raum ist, ist ein Reaktionär. Jemand, der den Gebrauch der französischen Sprache in Frankreich verteidigt oder jenen jeder anderen Nationalsprache in ihrem jeweiligen Land und der sich der universellen Verwendung des Englischen entgegenstellt, ist ein Reaktionär. Jemand, der der parlamentarischen Demokratie und dem Parteiensystem misstraut, jemand, der dieses System nicht als die Ultima Ratio politischer Organisation begreift, jemand, der es gerne sähe, dass der Bevölkerung öfter das Wort erteilt wird, ist ein Reaktionär. Jemand, der dem Internet und den Smartphones wenig Sympathie entgegenbringt, ist ein Reaktionär. Jemand, der Massenvergnügungen so wenig mag wie organisierten Tourismus, ist ein Reaktionär.“

Vereinzeltes Kopfschütteln im Publikum. Räuspern. Am Ende dann noch höflicher Applaus. Danach verschwindet er auf eine Zigarette. 

Leider rauche ich (derzeit) nicht, dennoch konnte ich mich für einen Moment zu ihm stellen. „Je suis un grand admireur“, stottere ich. Er lächelt und sagt gnädig: „Admi-RA-teur! Mais, on peu dire admireur je crois ...“ I love him!

Freitag, 16. September 2016

Fußnoten-Franz

Wer den gegenwärtigen Konflikt Laxismus vs. Rigorismus in der Kirche verstehen will, sollte lesen, was Kardinal Schönborn dazu zu sagen hat (z.B. hier) und im Vergleich dazu die Texte des Bonner Universitätslehrers Heinz-Lothar Barth. Bei Glorias Buchparty (siehe auch den Zeitungsausschnitt) hatte ich das Vergnügen, mit Barth beisammen zu sitzen.

BILD, 16. September 2016
Von dem in Regensburg gefeierten Glaubensschützer würde sich Barth übrigens (wie er in der KU-Sonderausgabe Nr. 7/8/2016 zu Amoris Laetitia schreibt) mehr Mut zum Widerspruch wünschen. Er zählt den Chef der Glaubenskongregation zu den "Beschwichtigern", die angeblich nicht wahrhaben wollen, dass der Papst unveränderbare Lehren per Fußnoten ausser Kraft zu setzen versucht.

In Regensburg stellte Kardinal Müller das nun auf Deutsch erschienene Interviewbuch vor, das auf jenen warnenden Gesprächen fußt, die er mit einem spanischen Priester geführt hat ("Informe sobre la esperanza – Diálogo con el cardinal Gerhard Ludwig Müller", BAC-Verlag, Madrid 2016). Wenige wissen, dass Müller seit seiner südamerikanischen Zeit nicht nur makelloses, südamerikanisches Spanisch spricht (und so – an Schönborn vorbei – mit dem Papst wie kein Zweiter Tacheles reden kann!), sondern dass er, der so oft als konservativer Trotzkopf verhöhnt wird, in Wahrheit zutiefst von der ultra-linken Befreiungstheologie Südamerikas beeinflusst wurde – sehr viel mehr als der angebliche Linkssympathisant Bergoglio). Das nur nebenbei.

Mir geht es um etwas anderes. Müller wird in dem Interviewbuch so zitiert:

"Der größte Anstoß, den die Kirche bieten kann, ist nicht, dass es in ihr Sünder gibt, sondern dass sie aufhört, den Unterschied zwischen Gut und Böse beim Namen zu nennen und dass sie diesen Unterschied relativiert, dass sie aufhört, zu erklären, was Sünde ist, oder dass sie sie zu rechtfertigen beansprucht durch eine vermeintliche größere Nähe zum Sünder und durch Barmherzigkeit ihm gegenüber"... 

Barth (und wohl auch Spaemann, Josef Seifert u.a.) meinen nun, dass genau das, wovor Müller warnt, die erklärte Taktik seines Bosses Franziskus sei. Dieser werde darin vor allem von Kardinal Schönborn sekundiert.

Rigoristen gehört natürlich mein Herz. Aaaber, das habe ich auch Professor Barth erklärt, der mir freundlicherweise geduldig sein Ohr schenkte:

Wir dürfen es uns als Konservative nicht so einfach machen!

Wir leben in einer völlig de-christianisierten Gesellschaft. Wir befinden uns in einer ähnlichen Situation wie einst Paulus. Nur dass der in einer vor-christlichen Zeit agierte und wir dies nun einer einer post-christlichen Zeit tun. Wir müssen heute völlig andere Wege wie noch unsere Mütter und Väter gehen, wenn wir die Menschen tatsächlich erreichen und uns nicht damit zufrieden geben wollen, uns in Burgen der Rechtgläubigkeit zu verbarrikadieren.

Ich hatte einmal das Vergnügen, in Ruhe mit dem von vielen Traditionalisten als Irrgänger geschmähten Kardinal Schönborn zu sprechen. Ich nannte ihn keck "Onkel Kardinal" (in Anlehnung an den legendären "Löwen von Münster", Clemens August Galen, der von unserer Verwandtschaft in Westfalen weithin "Onkel Bischof" genannt wurde) . Er gab mir eine sehr persönliche Antwort auf meinen Vorwurf, dass er vor lauter shoulder-rubbing mit dem schwul-lesbisch-militaristisch-antiklerikalen Partyvolk von Wien den Eindruck des Laxisten hinterlasse.

Schönborn sagte mir, dass es dort, wo er aufgewachsen sei, auf'm Dorf in der tiefsten Steiermark, in seiner Kindheit kein Pfarrhaus gegeben habe. Pause. Weil das ganze Dorf das Pfarrhaus, die Gemeinde, Kirche, gewesen sei. "Natürlich wünsche ich mir eine Zeit herbei, in der das wieder so ist," sagte er, "aber die Realität ist heute nun einmal eine andere." Wir könnten uns, sagte er weiter, natürlich in unseren Kathedralen zurückziehen und mit Abscheu auf die verkommene, urbane, ultra-liberalistische anything-goes-Gesellschaft schauen, aber damit, so Schönborn, verfehlten wir unseren Auftrag.

Ich glaube (im Gegensatz zu Barth und Spaemann und vielen anderen im Vergleich zu mir sehr viel klügeren Leuten) nicht, dass Schönborn oder der Papst an der Lehre, am Unveränderbaren, rühren wollen. Schon allein weil sie wissen, dass sie das gar nicht können. Sie sind allerdings Realisten. Sie wissen, dass da draußen eine Sehnsucht nach Gott existiert. Aber sie wissen auch, dass die Menschen der Postmoderne gar nicht mehr wissen, dass es Ihn gibt und dass sie Ihn zu ihrer Erlösung brauchen.

Wir befinden uns in einem Καιρός, einem Kairos, einem Sonder-Zeitfenster, wiederholt der Papst immer wieder, in der die Kirche vorübergehend mit überfließender, unendlicher, auf ersten Blick übertriebener Gnade agieren muss, um überhaupt noch zu den Menschen durchzudringen, weil die nämlich gar nicht mehr wissen, dass es so etwas wie Barmherzigkeit gibt. Weil sie die Notwendigkeit dafür ja gar nicht sehen. Weil sie entweder alles für letztlich sinnlos halten – unter Motto YOLO, you only live once so do what the f.... you want) – oder weil sie Erlösung in Konsum, Sex, in virtuell-technischer Berieselung, Körperoptimierung, Esoterik, Biokost, Selbsthilfegruppen, Drogen oder sonstwo suchen.

Wenn ich z.B. bei BILD versuche, kirchliche Themen ins Blatt zu quatschen ... in der leisen Hoffnung die Existenz der Kirche im kollektiven Bewusstsein zu halten, habe ich es zunehmend mit Gleichgültigigkeit zu tun. Die allermeisten Menschen sehen die Kirche nicht einmal mehr als Gegner, sondern nehmen sie als weitgehend irrelevante, irgendwie kuriose Subkultur-Veranstaltung wahr, der man sich nur noch aus folkloristischen Gründen (zum Beispiel zur Hochzeit und eventuell zur Beerdigung) erinnert und die ansonsten allenfalls mit karitativen Dienstleistungen assoziiert wird.

Das von Papst verwendete Bild vom Feldlazarett, das die Kirche auf dem Schlachtfeld der Moderne errichten muss, um dort die zahllosen Verwundeten aufzusammeln, ist faszinierend. Weil es nämlich bildlich klarstellt, dass es sich um eine Ausnahmezeit handelt, die vorübergehen wird. Regiert er vielleicht gerade deshalb via Fußnoten? Weil er gar nicht beabsichtigt, Worte zum Thema Ehe und Familie z.B. von Papst Johannes Paul II. zu relativieren? Es handelt sich bei der Betonung der Seelsorge unter Hintanstellung von Lehrfragen vielleicht gar nicht um eine "Taktik" um die Lehre zu erodieren, wie von Konservativen immer wieder verschwörerisch geraunt, sondern um eine Maßnahme, die darauf abzielt, zu den verlorenen aber sich sehnenden Menschen durchzudringen. Eine vorübergehende (oder prä-apokalyptische?), pragmatische Notmaßnahme, die gerade wegen ihrer provisorischen Natur nicht formell kommuniziert werden kann (die jüngste Verwirrung um den Brief des Papstes an Bischöfe der Region Buenos Aires passt bestens in dieses Bild).

Am Ende ist dieser ominöse "Spalt", der mitten durch die Kirche geht, vielleicht auch gar nicht so wichtig.

Am Ende werden sich nämlich Progressive und Konservative ohnehin zusammenraufen müssen. Wir befinden uns ja nicht nur in einem post-christlichen sondern auch in einem post-religiösen Zeitalter. Katholiken – egal ob Rigoristen oder Laxisten – werden am Ende im Schützengraben Seite an Seite nicht nur mit evangelischen Mitchristen stehen (und da vor allem neben Evangelikalen, die in Asien, Afrika und Amerika ohne die dynamischste christliche Gruppierung ist) sondern sie werden sich eines Tages, wie von Houellebecq vorempfunden, im anti-religiösen Schützengraben der Post-Moderne sogar Seite an Seite mit muslimischen Gläubigen wiederfinden. So schaut's nämlich aus.